Technology Scouting 2.0: Wie KI aus Informationsflut strategische Chancen macht
Jeden Tag entstehen neue wissenschaftliche Publikationen, Patente, Start-ups, Open-Source-Projekte, Produkte und technologische Ankündigungen. Noch nie konnten Unternehmen auf so viel technologisches Wissen zugreifen. Gleichzeitig war es kaum schwieriger, daraus die wirklich relevanten Entwicklungen herauszufiltern.
Das Problem ist nicht zu wenig Information
Technology Scouting ist keine neue Disziplin.
Unternehmen beobachten seit Jahrzehnten Universitäten, Forschungseinrichtungen, Patente, Wettbewerber und andere Quellen, um technologische Entwicklungen frühzeitig zu erkennen.
Bereits die klassische Forschung zu Technology Intelligence beschreibt das Ziel nicht als möglichst umfassende Informationssammlung. Es geht darum, relevante technologische Informationen zu erfassen, zu filtern, zu analysieren und Entscheidungsträgern zur Verfügung zu stellen.
Kerr, Mortara, Phaal und Probert beschrieben 2006 einen Technology-Intelligence-Prozess mit sechs Schritten:
Coordinate → Search → Filter → Analyse → Document → Disseminate.
Das zugrunde liegende Problem klingt erstaunlich aktuell. Schon damals wurde es für Unternehmen zunehmend schwieriger, mit technologischen Entwicklungen Schritt zu halten. [1]
Heute hat sich dieses Problem verschärft.
Die Informationslandschaft ist breiter, schneller und stärker fragmentiert. Relevante Hinweise können in einem Patent, einem wissenschaftlichen Paper, einer Start-up-Finanzierung, einem GitHub-Projekt, einer Produktankündigung oder einem Forschungsprogramm auftauchen.
Das führt zu einem Paradox:
Je mehr technologische Informationen verfügbar werden, desto wichtiger wird die Fähigkeit, entscheiden zu können, welche davon Aufmerksamkeit verdienen.
Technology Scouting ist deshalb zunehmend kein Suchproblem.
Es ist ein Relevanzproblem.
INFORMATIONSQUELLEN
TECHNOLOGY INTELLIGENCE
RELEVANT TECHNOLOGY INSIGHTS
STRATEGIC OPPORTUNITIES
Vom Technology Scouting zur Technology Intelligence
Die Begriffe Technology Scouting, Technology Foresight und Technology Intelligence werden teilweise unterschiedlich verwendet. Für die Praxis ist eine Unterscheidung hilfreich.
Technology Scouting
Sucht gezielt nach Technologien und technologischen Entwicklungen.
Technology Foresight
Untersucht mögliche längerfristige technologische Entwicklungen und deren Auswirkungen.
Technology Intelligence
Verbindet Informationsgewinnung und Analyse stärker mit konkreten technologischen Entscheidungen und Folgeaktivitäten.
Eine Untersuchung zur Technology Intelligence in produzierenden Unternehmen definiert sie entsprechend als strukturierten Ansatz zur Sammlung, selektiven Dokumentation, Bewertung, Kommunikation und Pflege relevanter Technologieinformationen zur Unterstützung technologischer Entscheidungen. [2]
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Eine Liste mit 200 Technologien ist noch keine Technology Intelligence.
Ein monatlicher Newsletter ist noch keine Technology Intelligence.
Auch ein KI-generierter Trendbericht ist noch keine Technology Intelligence.
Intelligence entsteht erst, wenn Information für einen konkreten Entscheidungskontext relevant wird.
Warum klassisches Scouting an Grenzen stösst
Stellen wir uns ein Industrieunternehmen vor, das wissen möchte, welche Technologien seine Produkte in den nächsten fünf Jahren verändern könnten.
Das Scouting-Team beobachtet:
Jede Quelle besitzt eine andere Sprache, Struktur und Dynamik.
Ein wissenschaftliches Paper beschreibt einen technischen Mechanismus.
Ein Patent beschreibt einen geschützten Lösungsansatz.
Ein Start-up spricht über ein Produkt.
Ein Investor über einen Markt.
Ein Kunde über ein Problem.
Ein Wettbewerber möglicherweise gar nicht über das, was intern entwickelt wird.
Die eigentliche Herausforderung besteht darin, diese Fragmente zusammenzubringen.
Genau deshalb war Technology Intelligence schon immer stark von Fachpersonen abhängig.
Sie mussten wissen, wo sie suchen, welche Begriffe relevant sind und welche Zusammenhänge technisch oder strategisch bedeutsam sein könnten.
KI verändert nun insbesondere den skalierbaren Teil dieser Arbeit.
Was KI beim Technology Scouting tatsächlich verändert
Generative KI wird häufig auf eine sichtbare Fähigkeit reduziert:
Sie kann Texte zusammenfassen.
Für Technology Intelligence ist das nur der Anfang.
Aktuelle Forschung untersucht LLMs entlang wesentlich grösserer Teile des Analyseprozesses.
Eine 2026 veröffentlichte Studie von Park, Kim und Lee untersuchte beispielsweise den Einsatz von LLMs für patentbasierte Technology Intelligence. Dabei wurden Aufgaben betrachtet, die traditionell von Analysten oder Fachexperten durchgeführt werden, darunter das Erkennen technologischer Trends, die Formulierung von Patentsuchanfragen und die Zuordnung von Themen. Die Autoren sehen erhebliches Effizienzpotenzial, weisen aber gleichzeitig auf weiteren Validierungsbedarf hin, insbesondere bei neuen Entwicklungen und beim Herausfiltern irrelevanter Inhalte. [3]
Eine weitere 2026 veröffentlichte Untersuchung zeigt, wie AI-basierte Verfahren Patentinformationen feingranularer klassifizieren können, um daraus strategisch nutzbare Darstellungen wie Technologiematrizen, Entwicklungspfade oder Vergleichskarten zu erzeugen. [4]
KI kann damit mehrere Ebenen des Scoutings unterstützen:
SEARCH
Relevante Informationen aus grossen Datenbeständen identifizieren.
FILTER
Potenziell irrelevante Inhalte reduzieren.
STRUCTURE
Technologien, Akteure und Themen klassifizieren.
CONNECT
Ähnliche oder komplementäre Entwicklungen zusammenführen.
SYNTHESISE
Umfangreiche Quellen in analysierbare Informationen überführen.
MONITOR
Veränderungen über Zeit verfolgen.
AI SUPPORT
EXPERT VALIDATION + BUSINESS CONTEXT
Aber genau danach beginnt der strategisch schwierigere Teil.
Eine Technologie ist noch keine Chance
Nehmen wir an, ein KI-System entdeckt eine neue Sensortechnologie.
Technisch interessant.
Aber was bedeutet das?
Für ein Unternehmen kann dieselbe Technologie völlig unterschiedliche Konsequenzen haben.
Sie könnte:
- ein bestehendes Produkt verbessern
- Produktkosten reduzieren
- eine bisher mechanische Funktion ersetzen
- Predictive Maintenance ermöglichen
- ein neues Servicegeschäft eröffnen
- einen Wettbewerber stärken
- eine bestehende Kernkompetenz entwerten
- oder für das eigene Geschäft vollkommen irrelevant sein
Technologie besitzt keinen strategischen Wert unabhängig vom Kontext.
Das ist einer der wichtigsten Punkte für Technology Scouting 2.0.
Die entscheidende Frage lautet nicht:
"Welche neuen Technologien gibt es?"
Sondern:
"Welche technologischen Entwicklungen verändern Probleme, Fähigkeiten oder Chancen, die für unser Unternehmen relevant sind?"
Gutes Scouting beginnt deshalb mit der Frage, nicht mit der Datenquelle
Das klingt banal, ist aber methodisch entscheidend.
Kerr und Phaal zeigten in ihrer Arbeit zur Steuerung von Technology-Intelligence-Aktivitäten, dass zunächst der Informationsbedarf der Entscheidungsträger geklärt werden sollte. Ihr Ansatz verbindet Informationsbedürfnisse mit möglichen Quellen und unterscheidet unter anderem zwischen Akteuren, die beobachtet werden sollten, und solchen, mit denen ein direkter Austausch sinnvoll ist. [5]
Für modernes KI-gestütztes Scouting bedeutet das:
Nicht mit der Aufforderung beginnen:
"Finde interessante neue Technologien."
Sondern beispielsweise:
"Welche Technologien könnten den Energieverbrauch unserer Verpackungsmaschinen innerhalb der nächsten fünf Jahre deutlich reduzieren?"
"Welche Technologien könnten es ermöglichen, ungeplante Maschinenstillstände früher zu erkennen?"
"Welche technologischen Entwicklungen könnten unser heutiges Servicegeschäft fundamental verändern?"
Plötzlich besitzt die Informationssuche einen strategischen Rahmen.
KI kann innerhalb dieses Rahmens sehr viel leistungsfähiger eingesetzt werden.
Technology Scouting 2.0 beginnt mit einem Problemraum
Eine interessante Entwicklung zeigt sich auch in der Forschung.
Ein 2025 vorgestellter Ansatz zur problemorientierten Identifikation neuer Technologien kritisiert klassische Keyword-Suchen insbesondere bei komplexen industriellen Problemen. Der vorgeschlagene Prozess beginnt nicht mit Technologien, sondern mit der Beschreibung und Abstraktion des Problems. Erst danach werden geeignete Technologien identifiziert und gegebenenfalls zu Technologiebündeln kombiniert. [6]
Das verändert die Perspektive.
Statt:
TECHNOLOGIE → Wo könnten wir sie einsetzen?
beginnt man mit:
PROBLEM → Welche technologischen Prinzipien könnten es lösen?
Das kann besonders dann wertvoll sein, wenn eine Lösung aus einer anderen Branche stammt.
Ein Unternehmen sucht beispielsweise nicht nach "neuen Pumpentechnologien", sondern nach Möglichkeiten, Flüssigkeiten mit weniger Energie, Verschleiss oder Wartungsaufwand zu bewegen.
Damit öffnet sich der Suchraum.
Biotechnologie, Materialwissenschaft, Mikrofluidik oder andere Felder können plötzlich relevant werden.
KI kann solche sprachlichen und fachlichen Grenzen leichter überbrücken als eine starre Keyword-Suche.
KLASSISCH / TECHNOLOGY-FIRST
TECHNOLOGY SCOUTING 2.0 / PROBLEM-FIRST
KI erweitert den Suchraum
Eine im Juli 2026 veröffentlichte Untersuchung verglich mehrere frei verfügbare LLMs mit einer systematischen manuellen Technologiesuche. Als Fallbeispiel diente die Suche nach Wasseraufbereitungstechnologien für mobile Systeme.
Die Autoren berichten, dass die LLM-basierten Suchen mehr Technologien identifizierten als die manuelle Suche, weniger Zeit beanspruchten und zusätzliche Ausgangspunkte für weiterführende Technologieanalysen lieferten. [7]
Das ist interessant, sollte aber nicht überinterpretiert werden.
Ein einzelnes Fallbeispiel beweist nicht, dass LLMs menschliche Scouts generell übertreffen.
Es zeigt etwas anderes:
LLMs können den Suchraum erweitern.
Gerade in frühen Scouting-Phasen kann das wertvoll sein.
Ein menschlicher Experte besitzt tiefes Fachwissen. Dieses Wissen kann aber auch beeinflussen, wo gesucht wird und welche Lösungsprinzipien spontan in Betracht gezogen werden.
Ein Sprachmodell kann Begriffe, Analogien und benachbarte Domänen vorschlagen, die eine Suche in unerwartete Richtungen erweitern.
Der Scout verliert dadurch nicht seine Rolle.
Seine Rolle verändert sich.
Vom Suchenden zum Kurator und Challenger
Im klassischen Scouting fliessst viel menschliche Arbeit in Recherche.
Im KI-gestützten Scouting kann sich ein Teil dieser Arbeit verschieben.
Der Mensch muss zunehmend beurteilen:
- Ist die Quelle belastbar?
- Ist die Technologie tatsächlich neu?
- Ist die technische Behauptung plausibel?
- Ist die Technologie reif genug?
- Ist sie für unseren Anwendungskontext relevant?
- Welche Annahmen macht die KI?
- Welche wichtige Perspektive fehlt?
- Welche Information widerspricht der bisherigen Einschätzung?
Das ist eine anspruchsvollere Rolle als das reine Sammeln von Informationen.
Der Technology Scout wird stärker zum:
KI erweitert die Reichweite. Menschen prüfen Bedeutung und Konsequenz.
Von Technology Intelligence zu Technology Opportunity Discovery
Der nächste Entwicklungsschritt geht noch weiter.
Wenn Technologien, Anwendungen und Beziehungen strukturiert erfasst werden, können Systeme nicht nur bestehende Entwicklungen beschreiben, sondern mögliche neue Kombinationen untersuchen.
Eine 2026 veröffentlichte Arbeit in Technovation bezeichnet diesen Ansatz als Prescriptive Technology Intelligence. Die Forscher verbinden einen Technology Knowledge Graph mit LLMs. Das System identifiziert mögliche Beziehungen zwischen Technologien und erzeugt daraus beschriebene Technologiekonzepte, die anschliessend bewertet werden. Die Autoren demonstrieren den Ansatz anhand eines grossen Datensatzes von Abstracts aus AI-Konferenzen. [8]
Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung.
DESCRIPTIVE INTELLIGENCE
"Was passiert technologisch?"
PREDICTIVE INTELLIGENCE
"Welche Entwicklung könnte als Nächstes relevant werden?"
PRESCRIPTIVE INTELLIGENCE
"Welche technologischen Möglichkeiten könnten wir daraus untersuchen?"
Keine dieser Stufen ist eine sichere Vorhersage. Predictive Intelligence ist eine Hypothese, keine zuverlässige Zukunftsprognose.
Damit nähert sich Technology Scouting der Opportunity Discovery.
Aber auch hier gilt:
Ein algorithmisch erzeugtes Technologiekonzept ist noch keine Geschäftschance.
Aus Technologie wird erst durch Kontext eine Opportunity
Damit eine technologische Entwicklung strategisch interessant wird, müssen mehrere Perspektiven zusammenkommen.
Technologie
Was ist technisch neu oder besser möglich?
Problem
Welches relevante Problem könnte dadurch gelöst werden?
Kunde
Wer besitzt dieses Problem und wie wichtig ist es?
Markt
Entsteht daraus wirtschaftliches Potenzial?
Unternehmen
Besitzen wir passende Kompetenzen, Assets, Kundenbeziehungen oder Daten?
Timing
Ist die Technologie zu früh, rechtzeitig oder bereits etabliert?
Risiko
Welche technischen, regulatorischen oder kommerziellen Unsicherheiten bestehen?
Die wertvollste Ausgabe eines Scouting-Systems ist nicht eine Liste neuer Technologien. Es ist eine begründete Hypothese darüber, wo eine Technologie für das Unternehmen relevant werden könnte.
Patente werden durch KI nicht automatisch zur Wahrheit
Patentdaten sind für Technology Intelligence besonders interessant, weil sie grosse Mengen technischer Informationen enthalten und technologische Aktivitäten von Unternehmen sichtbar machen können.
Doch auch hier ist Vorsicht notwendig.
Eine Patentanmeldung beweist weder technische Überlegenheit noch Markterfolg.
Patentstrategien unterscheiden sich zwischen Unternehmen und Branchen. Technologien können bewusst nicht patentiert werden. Patentfamilien können Analysen verzerren. Und eine steigende Zahl von Patenten bedeutet nicht automatisch, dass eine Technologie kurz vor dem Durchbruch steht.
KI beseitigt diese methodischen Grenzen nicht.
Sie kann helfen, Patentinformationen effizienter zu verarbeiten.
Das Europäische Patentamt stellt mit seiner Technology Intelligence Platform inzwischen selbst eine browserbasierte Umgebung bereit, in der hochwertige Patentdaten verarbeitet, analysiert, visualisiert und mit anderen Datenquellen kombiniert werden können. Das EPO nennt dabei ausdrücklich auch generative AI als möglichen Baustein für fortgeschrittene Patent-Information-Lösungen. [9]
Eine gute Technology-Intelligence-Architektur kombiniert Quellen, statt einer einzelnen Quelle zu vertrauen.
Triangulation schlägt Datenmenge
Stellen wir uns vor, ein System entdeckt steigende Patentaktivität bei einer bestimmten Technologie.
Das ist ein Signal.
Dann findet es gleichzeitig:
- mehr wissenschaftliche Publikationen
- mehrere neu finanzierte Start-ups
- erste industrielle Pilotprojekte
- steigende Aktivitäten etablierter Anbieter
- neue regulatorische Initiativen
- konkrete Kundenprobleme, die mit dieser Technologie adressiert werden könnten
Nun entsteht ein stärkeres Bild.
Nicht weil irgendein einzelner Datenpunkt die Zukunft beweist.
Sondern weil unterschiedliche Evidenzquellen auf dieselbe mögliche Entwicklung hinweisen.
Technology Scouting 2.0 sollte deshalb nicht versuchen, die grösste Datenbank zu besitzen.
Es sollte unterschiedliche Evidenz intelligent miteinander verbinden.
Unabhängige Evidenz kann eine Hypothese stärken oder schwächen. Mehr Daten bedeuten nicht automatisch Wahrheit.
Von der Informationspipeline zur Opportunity Pipeline
Damit lässt sich ein moderner Technology-Scouting-Prozess in sieben Schritten denken:
Strategische Fragestellung und Suchraum definieren.
Patente, Forschung, Start-ups, Märkte und weitere relevante Quellen beobachten.
Neue Technologien, Veränderungen und ungewöhnliche Signale identifizieren.
Technologien, Akteure, Probleme und Entwicklungen miteinander verbinden.
Relevanz, Reifegrad, Impact, Evidenz und strategischen Fit bewerten.
Technologische Entwicklungen in konkrete Opportunities, Risiken oder Handlungsoptionen übersetzen.
Beobachten, vertiefen, experimentieren, Partnerschaften prüfen oder investieren und neue Erkenntnisse wieder in das System zurückführen.
Der Unterschied zu einem klassischen Informationsprozess liegt vor allem in den letzten Schritten.
Scouting endet nicht beim Report.
Es endet dort, wo eine Organisation entscheiden kann, was sie mit einer technologischen Entwicklung tun möchte.
KI-Agenten könnten Scouting kontinuierlicher machen
Auch Agentic AI wird für Technology Intelligence interessant.
Ein spezialisierter Agent könnte innerhalb klar definierter Grenzen regelmässig Quellen durchsuchen, neue Informationen klassifizieren, bestehende Technologieprofile aktualisieren und auf Veränderungen hinweisen.
Ein anderer Agent könnte Patentinformationen analysieren.
Ein weiterer könnte Start-ups oder wissenschaftliche Entwicklungen beobachten.
Ein Analyse-Agent könnte Informationen zusammenführen und Widersprüche markieren.
Ein 2026 vorgestelltes Multi-Agent-System für Technology Intelligence untersucht genau diese Richtung: Patentinformationen werden als Ausgangssignale verwendet und mit Marktinformationen aus offenen Quellen verbunden. Die Autoren evaluieren dabei einen Pilotansatz mit mehreren spezialisierten Agenten und unabhängigen Evaluationsrollen. Das ist interessante Forschung, aber noch kein Beleg dafür, dass vollständig autonome Technology-Intelligence-Systeme bereits zuverlässig menschliche Prozesse ersetzen können. [10]
Agentic Scouting sollte nicht mit autonomer Strategie verwechselt werden.
Was der Mensch weiterhin besser wissen muss
KI kann hunderttausende Dokumente durchsuchen.
Sie kennt deshalb noch lange nicht automatisch die Strategie eines Unternehmens.
Sie weiss möglicherweise nicht:
- welcher Kunde strategisch entscheidend ist
- welche Technologie intern bereits getestet wurde
- warum ein früheres Projekt gescheitert ist
- welche Kompetenzen tatsächlich verfügbar sind
- welches Risiko die Geschäftsleitung akzeptieren würde
- welche Veränderung zum Geschäftsmodell des Unternehmens passt
Dieses Wissen ist häufig verteilt, implizit und kontextabhängig.
Deshalb entsteht leistungsfähige Technology Intelligence aus einer Kombination:
AI
Reach & Speed
Enterprise Knowledge
Context
Experts
Technical Assessment
Management
Strategic Decisions
Technology Scouting 2.0 ist deshalb weniger eine Geschichte über die Automatisierung von Experten.
Es ist eine Geschichte über eine neue Arbeitsteilung.
Fünf Fragen für ein besseres Technology Scouting
Unternehmen können relativ schnell prüfen, ob ihr Scouting bereits strategisch funktioniert.
Technology-Scouting-Readiness-Check
Beginnen wir mit strategischen Fragen oder mit Suchbegriffen?
Ohne klaren Informationsbedarf entsteht schnell eine grosse, aber wenig relevante Sammlung.
Nutzen wir unterschiedliche Evidenzquellen?
Patente allein, wissenschaftliche Publikationen allein oder Start-ups allein liefern jeweils nur einen Ausschnitt.
Verbinden wir Technologien mit konkreten Problemen und Opportunities?
Wenn nicht, bleibt Technology Scouting vom Innovationsprozess getrennt.
Können wir nachvollziehen, warum eine Technologie bewertet wurde?
Quellen, Annahmen, Bewertungskriterien und Unsicherheiten sollten sichtbar bleiben.
Lernen wir kontinuierlich?
Wenn neue Informationen eine bestehende Einschätzung verändern, sollte das Technologieprofil ebenfalls aktualisiert werden.
Wer diese Fragen nicht beantworten kann, benötigt wahrscheinlich nicht zuerst mehr KI.
Sondern einen besseren Scouting-Prozess.
Fazit: Der Wettbewerbsvorteil liegt nicht im Finden
KI verändert Technology Scouting grundlegend.
Sie kann grössere Informationsräume erschliessen, technische Inhalte strukturieren, Suchräume erweitern und Analysten bei Aufgaben unterstützen, die bisher erhebliche manuelle Arbeit erforderten.
Die aktuelle Forschung zeigt gleichzeitig klare Grenzen.
LLMs benötigen Validierung. Unternehmensspezifischer Kontext bleibt entscheidend. Quellen besitzen unterschiedliche Aussagekraft. Und aus einer technologischen Entwicklung wird nicht automatisch eine strategische Chance.
Deshalb liegt der eigentliche Fortschritt von Technology Scouting 2.0 nicht darin, dass KI mehr Technologien findet.
Er liegt in einer besseren Verbindung:
Unternehmen benötigen in Zukunft wahrscheinlich nicht weniger Technology Scouting.
Sie benötigen ein kontinuierlicheres, intelligenteres und stärker mit Strategie und Innovation verbundenes Scouting.
Denn in einer Welt, in der nahezu jeder Zugang zu leistungsfähigen Such- und KI-Systemen erhält, wird das Finden von Information zunehmend zur Commodity.
Der Unterschied entsteht danach.
Wer erkennt, was eine technologische Entwicklung für das eigene Unternehmen bedeuten könnte?
Wie CIN Technology Scouting mit Innovationsentscheidungen verbindet
Genau an dieser Schnittstelle setzt CIN an.
Die CIN-Plattform schafft einen gemeinsamen Arbeitsraum, in dem externe Informationen, Technologien, Trends, Insights, Opportunities, Ideen, Projekte und Bewertungen miteinander verbunden werden können.
Damit muss Technology Scouting nicht bei einer Sammlung von Reports oder Technologielisten enden.
Eine technologische Entwicklung kann mit relevanten Trends verbunden werden. Daraus können Insights entstehen. Diese können auf bestehende Opportunities einzahlen oder neue Opportunities auslösen. Ideen und Projekte lassen sich anschliessend bewerten und in einem Portfolio sichtbar machen.
KI-Agenten können einzelne Schritte unterstützen, beispielsweise beim Scouting, bei der Strukturierung von Informationen und bei der Gewinnung von Insights.
Der strategische Wert entsteht jedoch durch die Verbindung mit Unternehmenswissen und Entscheidungsprozessen.
Ergänzend unterstützt CIN mit:
- Research & Scouting
- Ideation & Innovation Campaigns
- Portfolio & Decision Support
- Innovation & Transformation Support
So entsteht aus Technology Scouting ein kontinuierlicher Prozess:
Suchen. Erkennen. Verbinden. Bewerten. Chancen ableiten. Entscheiden. Lernen.
Das Ziel ist nicht, möglichst viele Technologien zu beobachten.
Das Ziel ist, die richtigen technologischen Entwicklungen früh genug zu erkennen, ihre Bedeutung für das Unternehmen zu verstehen und daraus bessere Innovationsentscheidungen abzuleiten.
Quellen und weiterführende Literatur
- [1]Kerr, C. I. V., Mortara, L., Phaal, R. & Probert, D. R. (2006). A conceptual model for technology intelligence. International Journal of Technology Intelligence and Planning, 2(1), 73–93.
- [2]Technology Intelligence and Digitalization in the Manufacturing Industry (2023).
- [3]Park, S., Kim, G. & Lee, S. (2026). Evaluating the value of LLMs in patent-based technology intelligence: Toward increasing efficiency and reducing expert dependency. Technological Forecasting and Social Change, Vol. 222, Article 124375.
- [4]Giuntelli, G., Spreafico, C., Precorvi, A. & Russo, D. (2026). Patent intelligence in the age of AI: Unlocking strategic insights through granular classification. World Patent Information.
- [5]Kerr, C. & Phaal, R. (2018). Directing the technology intelligence activity: An ‘information needs’ template for initiating the search. Technological Forecasting and Social Change, 134, 265–276.
- [6]Framework for Problem-Oriented Identification of New Technologies (2025). Procedia CIRP, 134, 550–555.
- [7]Koutsouvelis, V., Silipigni, F. & Becattini, N. (2026). Evaluating large language models for technology-oriented searches in engineering design. Proceedings of the Design Society.
- [8]Yoo, M., Hwang, J. & Lee, H. (2026). Prescriptive technology intelligence for technology opportunity discovery: An LLM-based automated framework for narrating promising technology concepts. Technovation.
- [9]European Patent Office. Technology Intelligence Platform.
- [10]Černý, J. (2026). A Multi-agent Approach to Technology Intelligence: From Patents to Market Signals with Large Language Models. European Conference on Knowledge Management.
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